Wie fair senden die Popwellen?

Dieses Jahr wird alles anders, das haben sie versprochen. Sie, das sind der NDR und die Verantwortlichen der ARD-Popwellen. Dazu gehören unter anderem auch NDR2, WDR2, SWR3, Bayern3, MDR jump oder Antenne Brandenburg.

Als am Donnerstag, den 11.02.22 um 11 Uhr die Acts für den deutschen Vorentscheid bekannt gegeben wurden, ging eine Beben durch die ESC-Bubble. Nicht nur, dass die umstrittene, aber fanstarke Band Eskimo Callboy nicht am Start war; alle sechs Acts kommen zudem aus dem gleichen Pop-Genre. Sofort als „six shades of grey“ oder „Germany 0 Point“ aus dem Ausland belächelt, steht der NDR als verantwortlicher Sender für den ESC nun in der Kritik.

Das neue Auswahlverfahren

Dabei hat das brandneue Konzept noch nicht einmal richtig Fahrt aufgenommen. In den vergangenen Jahren hat der NDR intern nach passenden Acts gesucht und und hat diese ohne Vorentscheid dem Publikum in einer Pressekonferenz vorgesetzt. Das sollte diesmal anders werden. Die Popwellen wurden ins Boot geholt. Dort sollen schließlich Menschen arbeiten, die sich mit Musik auskennen. Im September und Oktober riefen die Sender öffentlich wirksam auf, sich für den ESC zu bewerben.

944 Bewerbungen kamen dabei zusammen. Eine Jury aus Musikverantwortlichen der oben genannten Sender und der Delegationschefin Alexandra Wolfslast haben aus den 944 Bewerbungen 30 Acts im Januar zu einem geheimen Vor-Vorentscheid nach Berlin eingeladen.

Letztendlich traten 26 auf einer kleinen Bühne vor der erwähnten Jury auf. Wir wissen, dass unter diesen 26 auch Eskimo Callboy, aber auch die Kölsch Band Planschemalöör waren. Aus diesen, nach den Aussagen von Alexandra Wolfslast, im Genre noch sehr vielfältigen Beiträgen filterte die Radio-Jury anscheinend die radiotauglichsten, poppigen heraus.

Im Interview mit Thomas Mohr und Marcel Stober bei ESC-Update im NDR erklärte Jury-Mitglied Gregor Friedel von SWR3 die Auswahlkriterien so:

„Wir wollten es relativ divers haben. Wir wollten eine Abwechslung haben zwischen Männern und Frauen, wir möchten Bands haben, wir möchten Deutsch haben, wir möchten Englisch haben und im Idealfall auch Leute dabei haben, die einen Migrationshintergrund haben. Die ganze Auswahl, die wir getroffen haben, sollte im besten Sinne Deutschland abbilden.“

Gregor Friedel, SWR3

Natürlich habe man auch auf radiotauglichkeit geschaut, aber auch auf Beständigkeit, Eloquenz und ESC-Bezug.

Die Rolle der Radios

Die Radios werden nun versuchen durch gezieltes Ausspielen der sechs Songs das Publikum „heiß“ auf den ESC und den Vorentscheid am 04. März in allen dritten Programmen zu machen. Dazu haben sie auch noch einmal auf der Pressekonferenz betont, dass sie jeden Tag jeden Song einmal spielen möchten. Und zwar nicht um 3 Uhr nachts. Außerdem strahlt die ARD seit dieser Woche bis zum 03. Mörz von Montags bis Donnerstags ein neues Format aus: „ESC vor Acht“.

Und nun stehen wir da, fast zwei Wochen nach der Bekanntgabe der sechs Acts und wollen schauen, wie sehr die Popwellen ihre Hausaufgaben gemacht haben.

Nach Presseanfragen der oben genannten Sender haben wir ganz unterschiedliche Aussagen bekommen.

NDR2 antwortet auf unsere Anfrage, dass sie jeden der sechs Akts jeden Tag ausspielen würden, aber aus technischen Gründen nicht die genaue Anzahl und Uhrzeit wüssten. Alle Acts wurden aber in der Woche seit der Bekanntgabe mindestens zwischen 10 und 11 Mal gespielt.  Also rein rechnerisch mehr als nur einmal am Tag.  Wir möchten betonen, dass das sehr gleichmäßig ist, besonders im Hinblick auf die vielen Plays.

SWR3 antwortet auf unsere Anfrage sehr detailliert. Sie spielen jeden Song einmal am Tag. Sogar die Sendezeiten schicken sie mit. Wir haben sie mal in einer Tabelle zusammengefasst.

Do 11.02Fr 12.02Sa 13.02So 14.02Mo 15.02Di 16.02Mi 17.02
Soap19:4013:2521:2010:2020:2512:2514:14
Alive17:2508:4014:5017:2511:5016:4512:25
Hallo Welt21:2515:2012:4019:4014:4010:2520:40
Anxiety12:4516:2019:1514:4016:4019:2510:20
Rockstars09:2511:4016:4012:4009:4013:2518:40
I swear to god14:4018:2009:4015:2018:4014:4016:40
Wann spielt SWR3 die Songs aus?

Hier wurde auf Fairness geachtet. Allerdings bleibt zu bemerken: Fast keiner dieser Songs wurde in der Kernzeit des Senders zwischen 6Uhr und 9 Uhr ausgespielt.

Bayern3 geht noch einen anderen Weg. In der ersten Woche teaserten sie nur die sechs Songs an (in so genannten Hookmixes). Ab dem 19 Februar spielten sie die sechs Acts laut eigener Aussage dann komplett und gleichmäßig.

MDR jump und Antenne Brandenburg antworteten auf unsere Anfrage, dass sie die Song jeden Tag einmal spielen würden.

WDR2 tanzt aus der Reihe.

Hier kam es bei unserer Abfrage über die Titelsuche von WDR2 zu einem auffälligen Ergebnis.  Andres als versprochen wurde hier nicht jeden Tag jeder Song ausgespielt. In sieben Tagen war der am häufigsten gespielte Act „I swear to god“ mit vier Plays. Andere Songs wie „Soap“ oder „Rockstars“ wurden sogar nur zwei Mal ausgespielt.

 Do 11.02Fr 12.02Sa 13.02So 14.02Mo 15.02Di 16.02Mi 17.02
Soap16:25   07:09  09:18
Alive11:24   08:39   16:11
Hallo Welt  16:22  18:25  05:53
Anxiety   17:24  10:23  
Rockstars   11:24  06:38  
I swear to god 13:15 03:23  11:27 15:51  
Wann wurde welcher Song von WDR2 ausgespielt?

Torsten Engel, Sprecher der Radios betonte bei besagter Pressekonferenz aber: „Wir haben uns gegenseitig in den Radios fest miteinander verabredet, alle Songs zur gleichen Anzahl zuspielen.“

Das bedeutet, dass sich der WDR nicht an die Abmachung hält. Und das wäre den Acts gegenüber nicht fair. Wir haben um eine Stellungnahme des WDR gebeten. Die Antwort des WDR war:

WDR 2 spielt die Titel der ESC Kandidat:innen seit dem 10.02. regelmäßig im Programm. Dabei achtet WDR 2 auf eine gleichmäßige Platzierung aller Titel. Bei einem aktuellen Programm wie WDR 2 kann sich z. B. bei einer Sturmlage das Programm immer wieder verändern. Die ESC-Titel sind alle im Programm präsent und werden das auch bis zum Vorentscheid bleiben.

Stellungnahme WDR Presselounge

Tatsächlich spielte WDR2 erst nach unserer Anfrage am 19.02 jeden Song einmal aus. Am 20.02 schon wieder nicht. Wie verbindlich also die Aussage von Torsten Engel war, bleibt fraglich.

Das WDR2 aus der Reihe tanz, mag im ersten Moment nicht großartig wichtig wirken. Aber von dem potentiellen 12 Millionen-Publikum, das die Sender abdecken sollen, deckt WDR2 alleine ein viertel ab. Drei Millionen Menschen können bei einer Abstimmung einen erheblichen Unterschied machen.

Weitere statistische Auswertungen, auch zu weiteren Popwellen, findet ihr bei den Kollegen des ESC-Kompakt-Blogs.

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