Mut zur Muttersprache

In diesem Jahr wird nicht nur auf Englisch gesungen, sondern auch auf Französisch, Russisch, Spanisch und vielen weiteren Sprachen. Mehr als 31 Prozent aller ESC-Lieder in diesem Jahr setzen den Trend seit 2017 fort: Mut zu anderen Sprachen. In diesem Blogeintrag stellt euch Autorin Noemi Kolloch diese Songs vor, damit ihr den Inhalt und Kontext nachvollziehen könnt.

Albanien

Das Lied „Karma“ wird von der Sängerin Anxhela Peristeri auf Albanisch gesungen und setzt damit die Tradition fort in der Landessprache zu singen. Wie auch 2018 mit dem Song „Ktheju tokës„, gesungen von Jonida Maliqi, ist das Lied eine typische balkanische Pop-Ballade, die moderne und albanische Elemente miteinander verbindet. Das Lied behandelt die Frage des Karmas und zeigt das innere Seelenbild einer Frau auf, die sich die Schuld am Zusammenbruch ihrer Welt gibt. Dieses Thema findet sich auch in den Lyrics wieder. So singt Peristeri darüber wie schuldig sie sich fühlt und das Gott ihr ihre Sünden niemals vergeben wird.

Dänemark

Viele in der ESC-Community hat es überrascht, dass Dänemark ein Lied in der Landessprache nach Rotterdam schickt. 1997 war das letzte Jahr, wo im ESC auf Dänisch gesungen wurde. Das Lied „Øve os på hinanden“ wird vom Duo Fyr & Flamme gesungen und bringt einen richtigen 80er-Jahre Stil auf die Bühne. Übersetzt lautet der Songtitel „Aneinander üben“ und lädt die Leute zum Tanzen ein. Dabei soll man die eigenen Unsicherheiten vergessen und die Musik genießen, denn man braucht kein erfahrener Tänzer zu sein, um Spaß zu haben. Die Lyrics sind aber auch zweideutig zu verstehen und erlauben weitere Interpretation, so singt das Duo: „In Kürze sind wir beide erwachsen. Du bist die Frau, ich bin der Mann. Die ganze Etage ist verrückt geworden. Lass uns aneinander üben“. Hierbei könnte nicht nur das Tanzen gemeint sein…

Frankreich

Fast selbstverständlich sendet Frankreich einen Song auf Französisch ins Grand Finale. Barbara Pravi vertritt das Land mit dem Song „Voilà“ in den Niederlanden. Pravi beschreibt das Lied als ein „Coming-Out“ als Sängerin, die sich der Bühne und dem Publikum präsentiert. Ihre Botschaft ist dabei: „Das bin ich. Hier bin ich. Akzeptiert mich so, wie ich bin, voilà“. Dabei verarbeitet Pravi auch ein Teil ihrer Lebensgeschichte in dem Song, der für sie ein Ende aber auch der Anfang von etwas ist.

Italien

Italien wird mit der Rockband Måneskin vertreten. Das Lied der Band nennt sich „Zitti e buoni“, was übersetzt „Halt den Mund und benimm dich“ oder auch als „Leise und brav“ übersetzt werden kann. Das Lied thematisiert einen Genrationskonflikt. Måneskin singt über die Geringschätzung der Älteren gegenüber der jüngeren Generation und ruft dazu auf laut zu sein und zu rebellieren. Kleiner Funfact: Der Bandname ist dänisch und bedeutet Mondschein. Den Namen hat sich das Bandmitglied Victoria ausgedacht, da sie dänische Wurzeln hat und sie einen interessanten Bandnamen brauchten.

Niederlande

Die Niederlande bringt dieses Jahr eine neue Sprache in den Wettbewerb. Jeangu Macrooy singt mit dem Lied „Birth Of A New Age” nicht nur auf Englisch, sondern auch auf Sranantongo, die eine Verkehrssprache in Suriname ist. Die Zeile „Mi na afu sensi, no wan man e broko mi“, übersetzt „Ich bin ein halber Cent, aber ihr könnt mich nicht brechen“, bedeutet, dass man nicht klein und nutzlos ist. Stattdessen erkennt man seinen eigenen Wert und kann dadurch nicht gebrochen werden. Insgesamt singt Macrooy darüber, dass man für sich einstehen muss, selbst wenn alle anderen gegen einen sind.

Russland

Das Russland nach Jahren wieder einen Song in der Landessprache in den Wettbewerb schickt, war mehr als überraschend. Manizha konnte sich aber mit ihrem Song „Russian Woman“ im Nationalfinale durchsetzen und singt über das Selbstbewusstsein von Frauen und wie sich dieses im Wandel der Zeit geändert hat. Dabei kritisiert sie auch die gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen. Diese Kritik kann man in Zeilen wie „Du bist insgesamt ganz süß, solltest aber etwas abnehmen. Trag etwas Längeres. Trag etwas Kürzeres“ wiederfinden.

Schweiz

Für die Schweiz tritt erneut Gjon’s Tears an, diesmal mit dem französischen Song „Tout l’Univers“, übersetzt, „Das gesamte Universum“. Der Song soll dabei die Botschaft vermitteln immer positiv in die Zukunft mit all ihren Möglichkeiten zu schauen, sodass man weiterkämpft und nicht untergeht. 

Serbien

Die Girlgroup Hurricane singt trotz spanischen Titels einen serbischen Popsong für den Wettbewerb. „Loco Loco“, übersetzt „Verrückt“, ruft Frauen dazu auf mutig zu sein. Das Lied an sich ist ein typisches Liebeslied, die Band singt aber darüber, dass Frauen den ersten Schritt gehen und nicht auf Prince Charming warten sollen. Sie sollen selbstbewusst vorangehen, genau wie Hurricane selbst. 

Spanien

Nicht überraschend sendet Spanien ein Lied in der Landessprache in den ESC. Das Lied „Voy a quedarme“, übersetzt „Ich werde bleiben“, wird von Blas Cantó gesungen. Die Ballade behandelt dabei die Liebe zu einer Person, die man niemals allein lässt, trotz widriger Umstände. Der Sänger hat das Lied seiner Großmutter gewidmet.

Ukraine

Für die Ukraine darf erneut die Band Go_A antreten, diesmal mit dem Lied „Shum“. Shum heißt übersetzt Lärm, steht aber auch für den Gott des Waldes. Dabei thematisiert das Lied Volksrituale, die im Frühling stattfinden. Hierbei geht es insbesondere um den Tanz an sich, der sich im Musikvideo wiederfinden lässt. Apropos, das wiederkehrende Wort “Siyu“ im Refrain bedeutet „Aussähen“.

Teaserbild: Barbara Pravi, France, Second Rehearsal, Rotterdam Ahoy, 15 May 2021 — EBU / ANDRES PUTTING

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