Schwarm unter Kontrolle

Ein Pressezentrum wie ein Bienenschwarm, in der Luft liegt ein Summen von heißer Tastatur, Reportermikrofonen und aufgeregtem Fachgeplänkel. Jeder Platz belegt, bunte Flaggen, einige Journalisten sitzen auf dem Boden in den Gängen, andere kommen von Interviews und Pressekonferenzen wie Sammlerinnen vom Pollenflug – ein kleiner Staat hinter den Kulissen des Eurovision Song Contest. 

Outside Rotterdam Ahoy — NPO:NOS:AVROTROS NATHAN REINDS

Dieses Jahr ist alles anders. Nach einem Jahr Stockstarre, erwacht die ESC-Bubble in Rotterdam. „In 2019, Eurovision Song Contest participants dared to dream in Tel Aviv. We could never have dreamed that just a year later we would have to cancel the world’s largest live music event for the first time in 65 years”, sagt auch Martin Österdahl, Executive Supervisor des ESC, in seinem Grußwort im aktuellen Medien-Guide. Jetzt starten die Rundfunkanstalten der EBU den Versuch trotz Corona-Pandemie den weltgrößten Musikwettbewerb stattfinden zu lassen, mit allem, was nötig und machbar ist. Während in vielen Ländern vorsichtige Lockerungen der Corona-Maßnahmen vorgenommen werden, reisen also nach Rotterdam 39 Länderdelegationen, Journalisten und ausgewählte Fans. Was verrückt klingt, folgt einem ausgeklügelten Hygiene- und Sicherheitskonzept. Das beginnt bei der Anzahl an Personen vor Ort: die Delegationen dürfen maximal mit 20 Personen anreisen, statt 1500 wurden nur 500 Presse-Akkreditierungen für vor Ort vergeben und nur 650 freiwillige Helfer sind am Start. Bei den verschiedenen Shows (Jury-Show, Family Show, Semi-Finale und Finalshow) sind jeweils 3500 Zuschauer in der Ahoy-Arena zugelassen, das entspricht einer Auslastung von 20 Prozent. Vorher und nachher werden alle getestet und anschließender wissenschaftlich befragt. Das ganze Unterfangen ist eingebettet in die so genannte „Fieldlab“-Initiative, eine Kooperation des niederländischen Gesundheitsministeriums, Wissenschaftler und der Eventbranche des Landes unter Leitung von Andreas Voss, Professor für Infektionsprävention an der Radboud-Universität Nimwegen. 

Die Ahoy Arena wird zu 20 % ausgelastet, The Eurovision 2021 stage — NPO/NOS/AVROTROS NATHAN REINDS

So wird es für die rund 180 Millionen Zuschauer vor den Fernsehbildschirmen ein gewohntes und zugleich derzeit ungewöhnliches Bild geben, wenn auf ihrem Bildschirm die Zuschauer den ESC-Stars zujubeln. Erste Verunsicherung gab es bereits beim Livestream der Juryshow der ersten Semifinales im Online-Pressezentrum, wo über 1000 Journalisten im Home Office oder in der Heimredaktion die Proben und Pressekonferenzen erstmals verfolgen können. „Ist das echtes Publikum?“, fragt jemand im Chat. Es sei ein Feldversuch, wird der Journalist aufgeklärt.  Ein paar Stunden zuvor saß auch Blogger Benjamin Hertlein als Pressevertreter in der Ahoy Arena und konnte selbst Hallenluft schnuppern.  Auch für den 32-Jährigen ist es ein ganz besonderes ESC-Jahr. Statt abends mit anderen Journalisten, Fans und Künstlern im Euroclub zu feiern, geht es zurück in die angemietete Reporter-WG mit einem weiteren Kollegen des bekannten deutschen ESC-Blogs. Wilde Partys mit Alkohol würden spätestens beim Atemtest am nächsten Tag am Check-In zum Pressezentrum auffallen. Jeder, der das Gelände betreten will, muss diesen Atemtest durchführen, vor dem mindestens acht Stunden vorher kein Alkohol getrunken werden darf. Im Zweifel wird ein klassischer Rachen-/Nasenabstrich durchgeführt. Wer negativ getestet ist, wird für 48 Stunden freigeschaltet, dann erlischt automatisch die Zugangsberechtigung und der Prozess startet von vorne. Der Atemtest würde jedoch oft nicht richtig funktionieren, weiß Benny zu berichten. „Bei der deutschen Delegation soll es nur bei zwei bis drei Personen funktioniert haben.“ Wie er die Maßnahmen vor Ort erlebt und einschätzt, hat er mir im Interview verraten. 

Benny wurde mit zehn Jahren mit dem ESC-Fieber infiziert, als Guildo Horn sich auf den siebten Platz sang. Es dauerte noch einmal zwölf Jahre bis er sein Auslandssemester in Schweden nutzte, um einem Abstecher zum Wettbewerb nach Oslo zu machen. Lena holte den Sieg und der Grundstein für Bennys Blogger-Dasein war gelegt. Als der PRINZ-Blog Ende 2018, für den er unter anderem schrieb, eingestellt wurde, gründete er kurzerhand ESC-kompakt. Aus der Idee, ein wenig Social Media abzubilden, ist inzwischen wieder ein umfassender Blog geworden, der Fanherzen höherschlagen lässt und jede noch so kleine Nachricht aus dem ESC-Universum berichtet. 

Benjamin Hertlein, Foto: privat
Benjamin Hertlein, Foto: privat

Fantreffen oder Jam-Sessions mit den Künstlern fallen dieses Jahr leider natürlich aus. Das bedauerte auch schon Jendrik, der mit seiner Ukulele bestimmt den ein oder anderen „Konkurrenten“ zum gemeinsamen Singen animiert hätte. Die Delegationen sollen unter sich in ihren Hotels bleiben, wenn sie nicht gerade bei Proben oder Presseterminen sind. Bahnfahrten oder Stadtbummel sind nicht drin. Dafür feiern die Teilnehmer umso mehr, wenn sie bei den Shows im Greenroom ihre Auftritte anfeuern – das konnte man schon bei dem ersten Juryfinale wahrnehmen. Der Lohn für die vielen Proben und Einschränkungen, ist und bleibt ein echter ESC vor Ort.

Um im Bild vom Anfang des Textes zu bleiben: Der Laden brummt wieder. Es darf geschwärmt werden. 

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