Optimist im Training

Wer Deutschland beim Eurovision Song Contest vertritt, braucht ein dickes Fell. Eine nationale Begeisterung für den weltgrößten Musikwettbewerb, wie sie beispielsweise die Schweden zelebrieren, gibt es in Deutschland schon länger nicht mehr. Eine eingeschworene Fan-Gemeinschaft hält den Fun-Faktor hoch, der allgemeine Zuschauer schielt dabei eher auf die oft schlechten Platzierungen der letzten Jahre. So werden bereits bei Ernennung des deutschen Teilnehmers schnell die Stimmen laut, die fordern, dem Wettbewerb doch ganz abzuschwören, es würde doch eh nur wieder der letzte Rang. Ganz gleich, ob die Künstler sich einem deutschen Vorentscheid oder  – wie seit letztem Jahr – zwei Jurys behaupten müssen. Michael Schultes vierter Platz 2018 wird dabei gerne ignoriert.

Auch dieses Jahr scheint keine Ausnahme zu werden. Kaum war der Song „I don’t feel hate“ von Jendrik Sigwart der Öffentlichkeit vorgestellt, war der Kampf in den Kommentarspalten eröffnet: „Der letzte Platz ist uns gewiss“ oder „Mal wieder keine Punkte für Deutschland, selten so ein schlechtes Lied gehört“ traf auf „Der Song ist mega. Das wird Top 10“ oder „Na, da freu ich mich wieder auf den ESC! Klare Botschaft mit guter Laune.“ Während also im Netz die üblichen Diskussionen laufen, hat der 26-jährige Jendrik seine Antwort bereits im Song verarbeitet:

„I don’t feel hate. I just feel sorry. You feel so very clever whenever you find another way to wear me down. ….So you can wiggle with that middle finger it’ll never wiggle back to you.“

Jendrik Sigwart in seinem Song

Er stehe über den negative Kommentaren, es sei denn es gehe um Homophobie oder Rassismus, das wäre ein No-Go, erklärte er in der Pressekonferenz des NDR zur Vorstellung des Songs. Aber selbst in diesem Fall solle man nicht mit Hass reagieren. „Das muss man sich selbst immer wieder sagen, denn es ist utopisch, nie auch einmal Hass zu fühlen.“ Daher habe er den Song geschrieben, um sich selbst und die Welt daran zu erinnern. 

Jendrik Sigwart vertritt Deutschland beim ESC 2021 in Rotterdam © NDR, (S2).

Dass der auf der Ukulele geschriebene Song perfekt für den ESC sei, habe der Musical-Darsteller direkt nach der Fertigstellung gewusst; nur wie man sich damit beim NDR bewirbt sei dem Eurovision Song Contest-Fan nicht klar gewesen. Daher postete er auf Tik Tok und Instagram seine Ideen und Pläne für das selbstproduzierte Musikvideo mit dem Hinweis unbedingt damit zum ESC zu wollen.

Tatsächlich wurde er angeschrieben und an die Verantwortlichen vermittelt und konnte so letztendlich beim Auswahlverfahren teilnehmen. Nachdem er mit Familie, Freunden und Musical-Kolleg*innen einen leerstehenden Gemeindesaal mit 18 kaputten Waschmaschinen, Planschbecken und schwarz-weißer Fliesenfolie zu einem Musikvideo-Set umgebaut und sechs Protagonisten mit ihren Geschichten über Ausgrenzung und Hass musikalisch in Szene gesetzt hatte, musste das Video innerhalb von vier Tagen für die Bewerbung fertig geschnitten werden. Stepptanzszenen, Bläsereinsatz und Kuchenschlacht inklusive.

So viel Einsatz sollte sich auszahlen. Der Hamburger kam letztendlich ins Songwriting-Camp, wo dieses Jahr von allen Kandidat*innen rund 160 Songs entstanden. Der Zuschauer bekäme gar nicht mit, wie viel Arbeit darin stecke, den Song für die deutsche Teilnahme am ESC zu finden, erzählte Jendrik bei der Pressekonferenz. Er selbst habe vier Songs dort geschrieben, durchgesetzt habe sich dennoch sein ursprünglicher Song „I don‘t feel hate“, den er schließlich im Kölner Palladium in einer live-Performance für die 100-köpfige ESC-Fan-Jury und die Jury aus Musikexperten aufführte. Er überzeugte und gewann den Auswahlprozess.

Jendrik Jendrik während der Pressekonferenz am 25.02.2021 in Hamburg © NDR/Hendrik Lüders.

Auf die Frage der Pressevertreter, welche Platzierung für ihn ein Erfolg wäre, antwortete er: „Ziel ist natürlich Platz 1, aber auch mit dem letzten Platz wäre ich nicht unzufrieden, an erster Stelle steht Spaß und Freude.“  Die Aussage nimmt man ihn ab. Schließlich geht für ihn mit der Teilnahme ein Traum in Erfüllung. Auch im Interview mit Barbara Schöneberger in der NDR-Talkshow erinnert er an den ursprünglichen Gedanken der Veranstaltung, die über Ländergrenzen hinweg die Musik feiert. Damit ist Jendriks Einstellung der Gegenentwurf zu den teils krampfhaft auf Erfolg produzierten Stücken der vergangenen Jahre. Michael Schulte natürlich ausgenommen. Da sich der vielseitig talentierte Jendrik selbst die Berufsbezeichnung „Optimist im Training“ geben würde, hat er alle Voraussetzungen einen tollen Auftritt in Rotterdam hinzulegen, ohne sich von den ewigen Griesgramen im Netz runter ziehen zu lassen. 

Teaserbild: © NDR/Hendrik Lüders, honorarfrei – Verwendung gemäß der AGB im Rahmen einer engen, unternehmensbezogenen Berichterstattung im NDR-Zusammenhang bei Nennung „Bild: NDR/Hendrik Lüders“ (S2), NDR Presse und Information/Fotoredaktion, Tel: 040/4156-2306 oder -2305, pressefoto@ndr.de

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