NDR – Kommunikation – Das Debakel

KOMMENTAR:

„Dies wird der beste ESC-Song aller Zeiten.“ Mit diesen Worten versprach Dr. Satellit alias Sky Du Mont in einem Werbesketsch auf Eurovision.de, dass die Auswahl des diesjährigen Kandidaten für den Eurovision Song Contest 2020 ein Volltreffer sei. Schließlich habe man die ultimative Erfolgsformel gefunden und angewendet.

Zwei Jurys aus ESC-Fans und internationalen ESC-Experten wählte aus hunderten Bewerbern und Songs am 12. Dezember 2019 die Dance-Nummer „Violent thing“ und den Interpret Ben Dolic aus. Seitdem hüllte sich der verantwortliche Norddeutsche Rundfunk in Schweigen. Um den Jahreswechsel spekulierte die Fan-Gemeinde noch, ob es überhaupt einen Vorentscheid geben würde. Ein Blick in die Programmzeitschriften ließ schnell vermuten, dass die Auswahl intern stattfinden würde. Von den Verantwortlichen des NDR keine offizielle Stellungnahme. Bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass der Auswahlprozess da schon abgeschlossen war. Erste Infos sollten Ende Januar veröffentlicht werden, doch auch diese Deadline hielt der NDR nicht ein. Anfang Februar gab es schließlich die Bestätigung dieser Info plus die Bekanntgabe der geplanten Sendung „Unser Lied für Rotterdam“ für den 27. Februar, die anstelle eines Vorentscheids nun den ausgewählten Kandidaten vorstellen sollte. Es folgten durch Social Media mit Hochspannung angekündigte Videos, die sich als humorvolle gesungene Pressemitteilung von Barbara Schöneberger und Sky Du Mont als Dr. Satellit heraus stellten – lustig, aber neue Informationen Fehlanzeige.

Jetzt könnte man feststellen, dass diese verzögerte Kommunikationsstrategie außer den ESC-Fans kaum jemanden aufgefallen sein mag. Es bringt jedoch zwei große Problempunkte ans Tageslicht: Erstens zeugt es nicht von der versprochenen Transparenz, die man den Kritikern im Bezug zum vergangenen Vorentscheid versprochen hatte. Zweitens steigert es die Erwartungen der ESC-Fans ins Unermessliche.

Das eigentliche Debakel folgte am Tag der Bekanntgabe und Ausstrahlungsdatum der Sendung. Der Spannungsbogen zielte bei der ganzen Verzögerungstaktik stets auf den 27.02 bzw. die Sendung „Und Lied für Rotterdam.“ Gegen Nachmittag veröffentlichte dann Eurovision.de den Titel samt Künstler, es folgten natürlich die Berichte in den Fanmedien und abends sogar eine Erwähnung in der Tagesschau. Die Katze war aus dem Sack und die Frage stand im Raum: Wozu jetzt noch die Sendung schauen? Diese war in einem Hamburger Kino aufgezeichnet worden, vor den dort noch unwissenden Journalisten im Publikum. Barbara Schöneberger moderierte demnach so, als sei der Act noch ein gut behütetes Geheimnis. So quälte sich der Zuschauer durch bereits beantwortete Interviewfragen mit Thomas Schreiber, dem neuen ARD-Teamchef Christian Blenker und Alexandra Wolfslast, Head of Delegation, sowie der Präsentation der beiden bekannten Videos. Auf Twitter war der Spott groß über die stetige Geheimniskrämerei, die zu diesem Zeitpunkt nach 22 Uhr einfach absurd und peinlich schien. Das schließlich groß angekündigte Video des Songs hatten die meisten ESC-Fans zu diesem Zeitpunkt auch bereits gesehen. Viele unbeteiligte Zuschauer werden sich zu diesem Sendeplatz auch nicht verirrt haben.

Einzig neu war letztendlich das Interview mit dem schüchtern wirkenden Ben Dolic und seine Live-Performance mit Akustikgitarrist, die mit der Dance-Performance in Rotterdam nicht viel gemeinsam haben wird. Lichtpunkt des Abends war Komponist Boris Milanov. Der österreichisch-bulgarische Produzent, der schon einige ESC-Hits geschrieben hat, wirkte sympathisch, locker und erzählte befreit aus dem Nähkästchen. Wir können nur hoffen, dass der 22-jährige Ben sich in Sachen Kommunikation seinem Komponisten anschließt und sich weniger von der bürokratischen Umständlichkeit der NDR-Verantwortlichen lenken lässt.

Teaserbild: Ben Dolic, Pressefotos: Zlatimir Arakliev

 

 

 

 

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