Unser Lied für Israel

Kommentar: Chance vertan

Der deutsche Vorentscheid des Eurovision Song Contest (ESC) 2019 begann vielversprechend. Wie schon im vergangenen Jahr hatte der NDR ein langes Auswahlverfahren vorweg geschickt, über 960 Musiker und Bands waren dem Aufruf gefolgt, am Schluss siebte der NDR, eine internationale Jury und eine 100-köpfige Jury von ESC-Fans die Bewerber durch. In einem Songwriting-Camp kam dann die geballte kreative Energie der letzten sechs Kandidaten und erfahrene Songwriter und Produzenten zusammen.

So war im vergangenen Jahr auch der Siegertitel von Michael Schulte entstanden, mit dem er schließlich einen vierten Platz in Lissabon erreichte und die jahrelange Schlappe der deutschen Teilnehmer beendete. Auch dieses Jahr standen spannende Künstler auf der Bühne von „Unser Lied für Tel Aviv“, die das harte Songwriting-Camp gemeinsam durchschritten hatten. Alle? Nein. Das Duo S!sters war vom NDR nachnominiert worden. Ein internationales Produzententeam hatte einen ESC-tauglichen Song komponiert und zwei Interpretinnen gesucht und diese in Carlotta Truman und Laurita Spinelli gefunden. Nachträglich wurde den Jurys die Bewerbung vorgelegt und abgenickt und damit das eigentliche Auswahlverfahren ad absurdum geführt.

Die internationale Jury, die aus Produzenten, Komponisten und ehemaligen Teilnehmern besteht, gab S!sters die Höchstpunkzahl. Darunter auch Revolverheld-Frontmann Johannes Strate, der bei der Castingshow „The Voice Kids“ 2014 Teamcoach von Carlotta Truman war. Selbst wenn die Fan-Jury das Duo eher im Mittelfeld sah, sorgten die Zuschaueranrufe für die Entscheidung. Damit haben zwei Künstlerinnen gewonnen, die sich vor der Bewerbung für den ESC gar nicht kannten und es ist fraglich, ob sie es schaffen werden die Authentizität auszustrahlen, die es unter anderem braucht, um beim ESC im Gedächtnis zu bleiben. So war es bei der ESC-Vorjahressiegerin Netta, die zwar polarisierte aber mit ihrer schrillen Art authentisch war. Auch Michael Schulte, der ohne Plattenvertrag jahrelang auf YouTube seine Musik verbreitete, hat diese authentische Ausstrahlung. S!sters haben es nun in der Hand etwas daraus zu machen, damit das gerade erst wiedergewonnene Vertrauen in den NDR nicht wieder verspielt wird.

Schlussbemerkung: Diese Meinung ist unabhängig davon, dass meine Favoritin Makeda auf dem zweiten Platz gelandet ist. Natürlich hätte ich ihr nach dem fulminanten Auftritt auch den Sieg gewünscht, aber so ist das Spiel. Für alle Teilnehmer möchte ich jedoch die Spielregeln hinterfragen, schließlich ist u.a. vermeintliche Punkte-Schieberei ein Grund für den schlechten Ruf des ESC in den Deutschland. Ich habe mit meinem Blog versucht der Kritik die positiven Seiten dieses fantastischen Events entgegen zu halten und werde das auch weiterhin versuchen. Gerade weil ich den ESC liebe, ist mir dieser Text ein Anliegen. 

Bild: Pixabay: CC0, kein Bildnachweis nötig. 
 

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Markus sagt:

    Danke für diese klaren Worte, genau meine Meinung.
    Bereits als Christoph Pellander und Thomas Schreiber im FAQ-Livestream im Januar bekanntgaben, dass es außerhalb des „normalen“ Auswahlprozesses noch „Direktkandidaten“ gibt, dachte ich mir, dass das nicht gutgehen kann.
    Warum macht man sich die Mühe mit dem ganzen Auswahlprozess und dem Song-Writing-Camp, wenn direkt noch Kandidaten nominiert werden können?

    Außerdem ist es gefühlt wieder so gewesen, wie in den Vorjahren mit den Kandidaten aus den Clubkonzerten. Weil die als Underdogs die Wildcard bekamen, wurden sie ausführlicher in der Promo berücksichtigt und gewannen jedesmal den Vorentscheid.

    So ist es leider auch diesmal gewesen. Die S!sters wurden mit dem letzten Startplatz und ihrer besonderen Rolle hervorgehoben und dies scheint (zumindest auf die Zuschauer) besonderen Eindruck zu machen. Das Ergebnis ist bekannt.

    Wir können nur hoffen, dass die beiden Damen es schaffen, in Tel Aviv eine halbwegs gute Figur zu machen.

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